Change

Enttäuschungen, September 2026 

Der Mitarbeiter schluckt und sagt nichts, starrt auf die Tischplatte. Seine gesamte Körpersprache bedeutet mir: Ich bin enttäuscht. Ich verstehe ihn, bin ich doch auch immer wieder enttäuscht.  

Ich bin dann enttäuscht, wenn Werte oder meine Grenzen verletzt werden. Zu Beginn meiner Führungsarbeit habe ich meine Werte definiert und prüfe einmal im Jahr, ob meine Werte noch immer so sind, wie zuvor, oder ob sich ein zusätzlicher hinzugesellt hat oder ein Wert sich verabschiedet hat, da mein Leben sich geändert hat. Meine Grenzen lebe ich instinktiv, hier habe ich das bewusste definieren nicht erledigt, sondern überlege es mir spontan, je nach Situation. Wenn meine Werte und Grenzen verletzt werden und ich enttäuscht bin, kommt noch hinzu, dass ich mir die Situation oder das Verhalten anderer zuvor ganz anders vorgestellt hatte. In Enttäuschung steckt die Täuschung drin. Etwas entspricht nicht meiner angenommenen Realität. Es beginnt mit einem dumpfen Gefühl und kann manchmal brennen wie Feuer. Dabei muss sich jemand nicht unbedingt falsch verhalten haben. Es reicht, wenn unterschiedliche Erwartungen, Sichtweisen oder Prioritäten aufeinanderprallen.  

Meist hilft, wenn wir miteinander über die Enttäuschung sprechen und es offen thematisieren. Wie ist Dein Eindruck? Wie ist Deine Perspektive? Mir geht es häufig so, dass ich in den Momenten feststelle, dass meine Perspektive nicht alle Kriterien erfasst hat und die andere Person eventuell andere Gesichtspunkte nicht erfasst hat. Kommunikation ist meist der Schlüssel, so auch hier. Je vorwurfsloser die Kommunikation stattfindet, umso schneller kommt man sich und der Enttäuschung näher. Häufig ging es mir schon so, dass ich danach ein offeneres und näheres Vertrauensverhältnis zur anderen Person hatte als vor der Enttäuschung, da wir etwas besprochen haben, was auch einen Teil Verletzlichkeit offenbart. Zur Vorbereitung eine solchen Gesprächs kann auch KI genutzt werden, der man folgenden Prompt mit auf den Weg gibt: ‘Ich wurde von einer Person enttäuscht und möchte mich auf ein konstruktives Gespräch mit ihr vorbereiten. Hier ist die Situation: [Beschreibung des konkreten Vorfalls, der Beteiligten und des Kontexts.] Bitte nimm die Perspektive der anderen Person ein und analysiere: 

  1. Welche Beweggründe, Annahmen oder Zwänge die Person gehabt haben könnte.
  2. Wie die Situation aus ihrer Sicht wahrgenommen worden sein könnte.
  3. Welche Missverständnisse oder Kommunikationslücken zu meiner Enttäuschung beigetragen haben könnten.
  4. Welche meiner Annahmen möglicherweise überprüft werden sollten.
  5. Welche Gesprächsfragen ich stellen könnte, um die Sichtweise der anderen Person besser zu verstehen.

Bitte berücksichtige mehrere plausible Perspektiven statt nur einer einzigen und bleibe ausgewogen, ohne eine Seite als richtig oder falsch darzustellen.’ KI ist zwar nicht kreativ, aber eine Zuhörerin, die Fragen stellt und einen zum Reflektieren bringt.  

Was hat man denn erwartet? War es realistisch? Eventuell war die Erwartung ein Wunsch, hatte aber nichts mit der Realität zu tun. Ist es ein Thema, in das ich viel Herzblut investiert hatte, mich engagiert habe und nun mit dem Resultat nicht zufrieden bin? Wenn das Herz an das Resultat und nicht an den Prozess des Erarbeitens gehängt wird, entsteht Enttäuschung, wenn das Resultat nicht das Erwartete ist. Ist es das wert? Enttäuschung braucht auch viel Energie, die an anderen Stellen des Arbeitsalltags dann fehlt und das je nach Schwere der Verletzung vielleicht sogar mehrere Tage.  

Enttäuschung gibt es bei jedem, bei der Führungskraft und bei einem Mitarbeiter. Jeder darf enttäuscht sein, denn es ist auch ein Zeichen von Engagement. Nur zu oft enttäuscht sollte man nicht sein, da dies zu Resignation führen kann. Allen Parteien sei empfohlen nicht aus der Enttäuschung heraus zu handeln und sofort Aussagen zu machen. Klug ist es einmal darüber zu schlafen und am nächsten Morgen über die Situation zu reflektieren. Es kommen fast immer weitere Einsichten hinzu, die das Gesamtbild abrunden, zumindest kann besonnener in eine Konversation gegangen werden. Allzu lange sollte mit einem Gespräch oder einer Klärung nicht gewartet werden, das führt gern zum Nachtragen. Auch die Eigenschaft des Nachtragens ist für andere anstrengend und raubt allen Seiten Energie: Der Seite, die nachträgt, da man mit einem Thema nicht abschliessen kann und der Seite, der etwas nachgetragen wird, da man genau merkt, dass etwas nicht stimmt. Mir hilft es immer, wenn ich mir bei einer Enttäuschung, die eine Person betrifft, eine Liste mache, die ich an einer Person schätze. Dann merke ich schnell, dass mich eine Komponente enttäuscht, aber nicht die gesamte Person. So gerate ich erst gar nicht ins Nachtragen.    

Es hängen oft kleine und grosse Änderungen in der Unternehmung mit der Enttäuschung zusammen: Ein Strategiewechsel, Sparmassnahmen, Reorganisationen, Beförderungsentscheidungen, fehlende Wertschätzung, inkonsequente Führung. Hinter jedes Stichwort hätte ich noch den Kommentar schreiben können ‘den/die man nicht nachvollziehen kann’. Und das gibt wieder einen Hinweis darauf, dass durch Kommunikation etwas wieder zurechtgerückt werden kann. Nachvollziehbar sollte der Sachverhalt werden, auch wenn man ihn nicht mittragen möchte oder kann. Enttäuschung ist Teil de Change, denn es wird sich etwas ändern und eine Komponente der Enttäuschung ist auch Trauer um das, was nicht ist oder wurde.  

Menschen, die um ihre Enttäuschung kreisen und es immer und immer wieder auf den Tisch bringen, auch wenn das Thema für andere mehr als behandelt ist, können die Situation nicht akzeptieren, verbrauchen viel Energie und sollten sich klar machen, was sie nicht ändern können. Es hilft es in einer zweispaltigen Tabelle aufzuschreiben. Dann, auf der anderen Seite der Tabelle, sollten sie aufschreiben, was sie aus der Situation Positives für sich und andere entwickeln könnten, um die Lage zu ändern. Und schliesslich gibt es auch nach wiederholten Enttäuschungen den Punkt, wo Konsequenzen gezogen werden müssen. Stark ist, wenn eine Enttäuschung genutzt wird um eine Beziehung, eine Zusammenarbeit oder die eigene Führung weiterzuentwickeln.  


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