Ein Werkstoff im Kreuzfeuer, August 2026
Kaum ein Material polarisiert die öffentliche Debatte in den letzten Jahren so stark wie Kunststoff. In Schlagzeilen, sozialen Medien und am Küchentisch gilt ‘Plastik’ oft pauschal als Umweltsünder Nummer eins. Doch hinter dieser vereinfachten Erzählung verbirgt sich ein Missverständnis: Viele Menschen wissen nicht, was Kunststoffe ausmacht, warum ihnen Zusatzstoffe, also Additive beigemischt werden und welchen konkreten Nutzen diese Stoffe erfüllen.
In diesem Beitrag möchte ich einige Vorurteilen einordnen und dabei zeigen, dass eine differenzierte Betrachtung wichtiger ist als reflexhafte Ablehnung. Als wissenschaftliche Grundlage dient die Übersichtsstudie von Wiesinger, Wang und Hellweg (ETH Zürich), erschienen 2021 in Environmental Science & Technology (Quelle [1]). Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff, das ist auch die Stärke dieses Materials. Erst die Additive machen aus einem Polymer ein brauchbares Alltagsprodukt.
Kunststoffe sind in meinen Augen die vielfältigste Klasse synthetischer Materialien und kommen in jeder Farbe, jedem Transparenzgrad und jeder Steifigkeit vor. Die Bandbreite an Eigenschaften verdankt sich der schieren Zahl an Inhaltsstoffen wie Pigmenten, Füllstoffen oder Weichmachern, die mit Polymeren kombiniert werden können. [1] Ohne Additive gäbe es die enorme Anpassungsfähigkeit von Kunststoffen nicht.
Zusatzstoffe werden eingesetzt, um bestimmte physikalische und chemische Eigenschaften, etwa Hitzebeständigkeit, Dehnbarkeit und Beständigkeit gegen Lichtabbau von Polymermaterialien während der Produktion, Verarbeitung und dem Gebrauch zu verleihen oder zu verbessern. [1] Der praktische Nutzen geht dabei in der öffentlichen Wahrnehmung oft unter. Ein UV-Stabilisator verlängert die Lebensdauer eines Gartenmöbels, ein Flammschutzmittel verhindert, dass ein Gehäuse eines Elektrogeräts Feuer fängt und ein Weichmacher, schliesslich, macht ein Kabel überhaupt erst biegsam.
Das Ausmass dieser chemischen Vielfalt wird oft unterschätzt. Die Studie liefert dazu eine systematische Bestandsaufnahme. Die Autoren untersuchten Kunststoff-Monomere, -Additive und Verarbeitungshilfsstoffe auf dem globalen Markt auf Basis einer Auswertung von 63 industriellen, wissenschaftlichen und regulatorischen Datenquellen. Insgesamt identifizierten sie mehr als 10.000 relevante Substanzen und kategorisierten sie nach Substanztypen, Verwendungsmustern und, wo möglich, Gefahrenklassifizierungen. [1] Die rund 10.000 Chemikalien werden gemeinhin in vier Kategorien eingeteilt, Weichmacher, Flammschutzmittel, Stabilisatoren und antimikrobielle Zusätze. [1] Ergänzend dazu umfasst das Spektrum viele mineralische oder organo-mineralische Substanzen mit Funktionen als Pigmente, Hitzestabilisatoren, Flammschutzmittel, Prozesshilfsmittel und Ähnliches. [1]
Zusatzstoffe werden in Alltagsdebatten häufig fälschlicherweise Kunststofftypen zugeordnet, in denen sie gar nicht vorkommen. Das Paradebeispiel ist der Weichmacher, der pauschal ‘dem Plastik’ zugeschrieben wird, obwohl viele Kunststoffe gänzlich ohne Weichmacher auskommen und diese vor allem in bestimmten Typen, etwa Weich-PVC, eine Rolle spielen.
Eine Ausnahme muss sein, dass Additive, die für einen Produkttyp angemessen sind, etwa Flammschutzmittel in Elektronikgehäusen, etwa durch Fehlwürfe in recyceltes Material gelangen können und schliesslich in Produkte gelangen, in denen sie unangebracht sind.
Ein Additiv ist also nicht per se ‘gut’ oder ‘böse’, entscheidend sind der jeweilige Kunststofftyp, der Anwendungszweck und der Kontext. Eine pauschale Zuordnung führt zu falschen Schlüssen. Natürlich muss für diese Probleme eine Lösung gesucht werden. Für mich ist die Studie interessant, da sie auf Risiken dieser Art hinweist.
Über 2.400 Substanzen wurden als Stoffe mit potenziellem Bedenken identifiziert, da sie eines oder mehrere der Kriterien für Persistenz, Bioakkumulation und Toxizität in der Europäischen Union erfüllen. [1] Ebenso bestehen erhebliche Wissenslücken: Ein Teil dieser Stoffe ist in vielen Teilen der Welt nicht angemessen reguliert (1.327 Substanzen) oder sogar in einigen Rechtsräumen für den Einsatz in lebensmittelkontaktierenden Kunststoffen zugelassen (901 Substanzen). [1]
Das Problem ist selten Kunststoff als solcher, sondern die Frage, welche Chemikalie in welcher Anwendung eingesetzt wird und wie transparent das geschieht.
Es bestehen substanzielle Informationslücken im öffentlichen Raum, insbesondere zu Stoffeigenschaften und Verwendungsmustern. Um zu einer nachhaltigen, zirkulären Kunststoffwirtschaft überzugehen, die den Einsatz gefährlicher Chemikalien vermeidet, sind konzertierte Anstrengungen aller Beteiligten nötig, beginnend mit einer besseren Zugänglichkeit von Informationen, gerade für die Allgemeinheit. [1]
Kunststoff als Sündenbock herzuziehen ist eine schnelle, aber irreführende Vereinfachung. Additive sind kein bösartiger Zusatz, sie sind funktionale Notwendigkeit. Sie machen Materialien sicherer, langlebiger, brauchbarer. Aber nicht jeder Zusatzstoff ist in jedem Kunststoff, und nicht jede Chemikalie ist unbedenklich. Die Zukunft von Kunststoffen liegt nicht in pauschaler Verteufelung, sondern in gezielte Regulierung, Transparenz und ein besseres öffentliches Verständnis dafür, was in unseren Materialien steckt und warum.
Wer mehr darüber wissen möchte, welche Additive in einem Kunststoff enthalten sein können, kann mittels der kostenlosen App Scan4Chem den Barcode eines Produkts scannen und eine Informationsanfrage an Produktanbieter stellen. Nach der europäischen REACH-Verordnung haben Verbraucher das Recht zu wissen, welche Stoffe in Produkten enthalten sind. Wem das zu lange geht, kann auf das ToxFox-App zurückgreifen. Mit dieser ebenfalls kostenlosen App können Strichcodes von Kosmetika oder anderen Produkten gescannt werden und es werden eventuelle Schadstoffe angezeigt, sofern sie in der zugehörigen Datenbank hinterlegt sind.
Wer gleich in die Tiefe von Additiven gehen möchte, kann auf die ICCA Plastic Additiv Database zurückgreifen. Es lassen sich viele Daten zur Verwendung, chemischen Aufbau, physikalischen Eigenschaften oder der Gefahrenklassifizierung nachlesen.
Cellophan, September 2026
Mein Mann schenkte mir letztens Blumen. Es war ein fröhlicher Strauss, eingewickelt in eine Kunststofffolie, die den Strauss wunderbar in Szene setzte. Die Folie kenne ich seit Kindestagen. Es ist die gleiche Folie, wie meine Oma für ihre Marmeladengläser nutzte, wenn sie einkochte. Sie feuchtete die Folie an, legte sie auf das frisch befüllte Glas und wenn die Folie trocknete, war das Marmeladenglas fast sicher verschlossen. Denn ein grosses Vergnügen für uns Kinder war die Folie bei zum Verzehr freigegebenen Marmeladengläsern mit viel Anlauf mit dem Finger zu durchstechen, und dann den Finger mit einiger Marmelade dran in den Mund zu stecken. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen der Folie meiner Oma und der vom Blumenstrauss: Die Folie für Blumen sind mit PVC beschichtet und damit nimmt man ihnen eine ihrer sehr attraktiven Eigenschaften: die Bioabbaubarkeit.
Erfunden wird das Cellophan, von dem ich hier spreche, von einem Schweizer Chemiker, Jacques Brandenberger. Wohl war Brandenberger in einem Restaurant zu Gast, als er beobachtete, wie ein anderer Gast Rotwein auf die Tischdecke verschüttete und diese in der Folge steif und unbrauchbar wurde. Zuvor war die Tischdecke mit einer wasserabweisenden Lösung behandelt worden. Er hatte die Idee Stoffe mit einer Viskoselösung zu behandeln, damit sie wasserdicht werden würden. Das Ergebnis überzeugte ihn nicht, denn der Stoff wurde, wie schon im Restaurant, steif und brüchig. Allerdings liess sich eine Cellulosehaut ablösen. Daraus entwickelte er die Cellulosefolien. Kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs gründete Brandenberger in Frankreich die Firma La Cellophane, ein Kunstwort aus Cellulose und dem griechischen Wort für durchscheinend. Bei mir in der Familie heissen die Folien bis heute noch Cellophanfolien. Ein Durchbruch kam erst fünf Jahre später, als DuPont Lizenzen erwarb. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Folien aber noch mit einem Nachteil ausgestattet. Sie hatten eine fehlende Wasserdampfsperre. Dies gereicht ihnen bei manchen Applikationen auch zum Vorteil, da die Folien dann nicht mit Wasserdampf beschlagen. Der fehlenden Wasserdampfsperre nahmen sich die DuPont-Chemiker an. Sie entwickelten eine Nitrocellulose-Wachs-Beschichtung, die aus Cellophan ein feuchtigkeitsdichtes Verpackungsmaterial machte. Der kommerzielle Durchbruch gelang. Ware sichtbar und gleichzeitig geschützt zu verpacken war eine Innovation, die es zuvor so nicht gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Cellophan dann langsam durch andere Kunststoffe als dominierendes Verpackungsmaterial verdrängt und besetzte nur noch Nischen.
Ich finde, dass Cellophan heute wieder sehr aktuell ist: Es ist aus Holzzellstoff hergestellt. Allerdings ist die Herstellung von Cellophan energie- und chemieintensiv. Cellulose wird zu Viskose umgewandelt, dann extrudiert und anschliessend in ein Säurebad getaucht, um wieder Cellulose zu erzeugen. Um Viskose herzustellen wird Schwefelkohlenstoff genutzt. Dies ist hochgiftig, nervenschädigend und leicht entzündlich. Das ist aber nicht alle Chemie. Auch Natronlauge und Schwefelsäure werden für das Verfahren gebraucht. Der Wasserverbrauch ist wie auch bei der Papierherstellung hoch. Könnten wir die Herstellung umweltfreundlicher gestalten, wäre dies die halbe Miete für eine flächigere Nutzung. Daran forschen gerade verschiedene Institutionen, wie die LUT University mit diversen Partnern im Projekt Films for Future (https://www.lut.fi/en/projects/films-future-f3) oder das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP).
Leider gibt es aus Sicht der stofflichen Wiederverwendung ein Manko: Cellophan ist kein Thermoplast und es lässt sich deshalb nicht einschmelzen und mechanisch recyclieren. Es kann also nur kompostiert, ins Altpapier gegeben oder thermisch verwertet werden. Gegenüber PLA ist Cellophan, wenn es nicht mit einem klassischen Kunststoff beschichtet ist, vorteilhaft, denn es lässt sich auf dem Haushaltskompost abbauen. Mit PLA gelingt der Abbau nur im industriellen Kompost. PHA ist zwar auch haushaltskompostierbar, aber leider um ein Vielfaches teurer.
In der Elektroindustrie, als Verpackung für Tabakprodukte oder Medikamente wird heute noch wegen der Mikroklimaeigenschaften gern Cellophan verwendet. Früher war auch Tesafilm aus Cellophan hergestellt. Noch heute wird Cellophan als Membranwerkstoff für Dialysatoren verwendet. Ich bin mir sicher, es würde noch einige Produkte mehr geben, die sich als Anwendungszweck für diesen interessanten Werkstoff nutzen liessen. Sobald die Herstellung auf Standards gebracht wird, die das Material in die Zukunft trägt.