Thermoformen oder Spritzgiessen?, August 2026
Wer ein Kunststoffteil in Serie fertigen lassen möchte, steht früher oder später vor einer grundlegenden Entscheidung: Thermoformen oder Spritzgiessen? Beide Verfahren haben ihre Berechtigung. Die richtige Wahl hängt vor allem von Seriengrösse, Bauteilgeometrie und Qualitätsanforderungen ab. In diesem Beitrag stelle ich beide Verfahren gegenüber.
Das Thermoformen punktet vor allem beim Start der Produktion. Da die Werkzeugkosten für die Thermoformstempel deutlich geringer ausfallen, ist der Anfangsinvest niedriger als beim Spritzgiessen. Dies macht das Verfahren besonders attraktiv für kleine und mittlere Seriengrössen. Wer nur überschaubare Stückzahlen benötigt, muss die hohen Werkzeugkosten nicht über eine grosse Serie amortisieren. Auch sind Thermoformer in der Regel schneller lieferbereit. Das verkürzt die Time-to-Market spürbar. Auch bei grossen Bauteilen hat das Thermoformen einen Vorteil gegenüber dem Spritzguss. Diese Teile lassen sich oft einfacher und wirtschaftlicher herstellen als im Spritzguss.
Beim Thermoformen wird von einer extrudierten Platte ausgegangen. Dabei werden bereits Spannungen durch die Extrusion eingetragen, die beim anschliessenden umformenden Ziehprozess verstärkt werden. Diese inneren Spannungen können sich auf Masshaltigkeit und Festigkeit auswirken.
Der Anfangsinvest ist beim Spritzgiessen höher und aufwändiger, vor allem wegen der komplexen und teuren Werkzeuge. Diese Kosten rentieren sich erst bei entsprechend hohen Stückzahlen, weshalb sich das Verfahren primär für die Grossserie eignet. Dafür bietet das Spritzgiessen entscheidende Vorteile in Sachen Qualität und Gestaltungsfreiheit. Es sind komplexere Formen realisierbar, da das Material in einem Urformprozess vollständig in eine geschlossene Kavität eingespritzt wird. Es lassen sich engere Toleranzen einhalten als beim Thermoformen. Auch die Oberflächenqualität ist höher. Da keine Grate entstehen, entfällt Nacharbeit, was Prozessschritte und Kosten einspart. Beim Thermoformen wird von extrudiertem Halbzeug ausgegangen, also von bereits extrudierten Platten oder Folien. Das schränkt die Materialpalette auf jene Kunststoffe ein, die als platten oder folienförmiges Halbzeug verfügbar sind. Beim Spritzgiessen hingegen wird Granulat verarbeitet. Die Auswahl an spritzgussfähigen Kunststoffen und Compounds ist entsprechend gross. Werden besondere Materialeigenschaften benötigt, ist im Spritzguss die Auswahl meist grösser.
Das Thermoformen erzeugt prozessbedingt mehr Verschnitt: Die Ränder der geformten Teile müssen beschnitten werden, und der abgetrennte Randbereich fällt als Abfall an. Zwar lässt sich dieser Verschnitt je nach Material teilweise recyceln, dennoch entsteht ein höherer Materialeinsatz pro Bauteil.
Das Spritzgiessen arbeitet materialeffizienter, da das Material gezielt in die Kavität eingespritzt wird. Bei einem Kaltkanal fallen Angüsse zwar ebenfalls an, lassen sich aber häufig direkt wiederverwerten. Bezüglich Nachhaltigkeit und Materialkosten ergeben sich dadurch wesentliche Vorteile.
Kriterium Thermoformen Spritzgiessen
Anfangsinvest Niedrig Hoch und aufwändig
Geeignete Seriengrösse Klein bis mittel Gross
Lieferbereitschaft Schnell Lang
Grosse Teile Oft einfach herstellbar Aufwändig
Komplexe Formen Eingeschränkt Möglich
Toleranzen Weit Eng
Oberflächenqualität Gering Höher
Ausgangsmaterial Halbzeug (Platten) Granulat
Materialauswahl Eingeschränkt Sehr breit
Materialabfall Hoch (Verschnitt) Gering
Innere Spannungen Aus Extrusion + Ziehen Gering
Nacharbeit Häufig nötig In der Regel nicht nötig
Bevor Du Dich für ein Verfahren entscheidest, lohnt es sich, folgende Fragen für Dein konkretes Projekt zu durchdenken:
Wie entwickelt sich meine Stückzahl? Rechnest Du mit einem wachsenden Bedarf? Dann kann ein Einstieg in den Spritzguss sinnvoll sein.
Wo liegt mein Break-Even? Ab welcher Stückzahl amortisiert sich das teurere Spritzgusswerkzeug gegenüber den laufenden Kosten des Thermoformens?
Wie wichtig ist die Nachhaltigkeit für mein Produkt und meine Kunden? Lässt sich der Verschnitt beim Thermoformen recyceln oder gibt der geringere Materialabfall dem Spritzguss den Ausschlag?
Welche Materialeigenschaften sind wirklich zwingend? Und ist der Wunschwerkstoff überhaupt als Halbzeug verfügbar?
Wie flexibel muss ich bei künftigen Designänderungen sein? Werkzeugänderungen sind beim Spritzguss deutlich aufwändiger und teurer.